9. August 2020 | Allgemein

Mein Wort zum Sonntag

Mein Wort zum Sonntag vom 8.August 2020 

Ihr Lieben,  

In der Urlaubszeit hat es von mir kein Wort zum Sonntag gegeben, auch weil wir immer wieder einige Tage verreist waren, jetzt beginnt wieder die Normalität. Aber was ist normal in diesem Jahr?  

Am Neujahrstag hatte niemand von uns gedacht, dass wir einige Monate später zeitweise keine Gottesdienste haben dürfen, dass wir mit Mund-Nasenschutz herumlaufen müssen und dass weltweit viele Menschen an einem neuartigen Virus sterben werden. Wir waren es gewohnt, dass Zukunft immer nur eine nach vorn verlängerte Vergangenheit war. Aber plötzlich veränderte ein kleines Virus alles. 

Rückblickend muss man aber auch sagen, dass die christlichen Gemeinden rasch mit der neuen Situation umgehen lernten. Immer mehr Gottesdienste gab es im Internet, und es ist schon sehr komfortabel, wenn man morgens mit einer Tasse Kaffee in der Hand und im Schlafanzug einen Gottesdienst verfolgen kann. Nur einen Gottesdienst? Nein, wir lernten schnell, dass man bequem von Gottesdienst zu Gottesdienst umschalten konnte. Wurde es auf dem einen Kanal zu langweilig, klickte man sich in eine andere Übertragung ein. Diese große Vielfalt kann eine Ortsgemeinde gar nicht bieten – und irgendwie genossen wir diese Freiheit.  

Vielleicht empfanden manche es auch etwas schade, dass wir im Frühsommer wieder zu echten Gottesdiensten wechselten. Anfangs noch mit aufwändigen Videoaufzeichnungen, aber seitdem wir gut 40 Sitzplätze anbieten können, hat sich auch das erübrigt. Jeder kann kommen – wie vor Corona. 

Aber was haben diese Erfahrungen mit uns gemacht?  

Zum einen natürlich eine wunderbare Horizonterweiterung, manche von uns waren lange nicht mehr in einer anderen Gemeinde zu Gast, und plötzlich sahen wir, wie andere es machen. Wünsche nach Veränderungen kamen auf, aber auch das beruhigende Gefühl, dass woanders auch nur mit Wasser gekocht wird. 

Zum anderen begann aber auch ein schleichender Prozess, in dem man lernte, auch mal ohne Gemeinde zu leben. Keine Gottesdienste, keine Mitarbeit, keine Verpflichtungen. Irgendwie verlockend – und doch auf Dauer tödlich für unseren GlaubenWir sind auf Gemeinschaft angelegt, echte Gemeinschaft ist nicht ersetzbar. Nur in der Gemeinschaft unter dem Wort Gottes und miteinander bleibt der Glaube wach, können Probleme entschärft und heile Beziehungen erlebt werden. Ohne Gemeinde verlieren wir das echte Leben und verkümmern allmählich zu einer blassen Weltanschauungsgruppe. Also genießen wir die neu gewonnene Freiheit, uns wieder im Gemeindehaus zu treffen und gemeinsam Gottesdienste zu feiern! 

Nun leben wir als Gemeinde ja nicht auf einer Insel der Seligen, sondern mitten in unserer Welt – und da bestimmt die schreckliche Explosion in Beirut die Nachrichtenlage. Dabei sind die Gefahren bei der Lagerung von Ammoniumnitrat schon lange bekannt: Ein vergleichbares Unglück geschah am 21.September 1921 in einem BASF-Düngemittelwerk in Oppau bei Ludwigshafen. Die Explosion hörte man bis ins niedersächsische Göttingen, 561 Menschen kamen damals ums Leben, über 2.000 Verletzte, 7.000 Obdachlose. Seitdem gibt es in Europa strenge Sicherheitsauflagen schon bei der Herstellung solcher Stoffe. 

Wir merken an solchen Unglücken: unser Leben ist immer in Gefahr. Es gibt keine absolute Sicherheit. Als bis vor einigen Jahren auch hier auf dem Westerwald noch Atomraketen der Amerikaner lagerten, waren wir natürlich im Fadenkreuz russischer Atomraketen.  

Ich durfte vor Jahren einmal in ein früheres Atomraketenlager der Sowjets hinabsteigen, tief unter der Erde in der Nähe des mecklenburgischen Lychen. Und wenn man dann nach den meterdicken Toren an der Stelle steht, wo einmal die Sprengköpfe lagen, die für uns bestimmt waren, wird man erst recht dankbar für die positive Wende, die unsere Generation miterlebt hat.  

Damit bin ich beim letzten Impuls für heute: Es gibt auch viele positive Entwicklungen, Gott sei Dank. Aber weil meist nur die negativen Meldungen in den Medien erscheinen, gewinnen viele Menschen den Eindruck, es gehe in der Welt immer mehr bergab. Nur ein kleines Bespiel: Seit Jahren sinken in Deutschland die Scheidungsziffern deutlich, das war aber keine Meldung wert, und auf den Kanzeln hörte man stattdessen ständig, sie würden unaufhaltsam steigen. Erst voriges Jahr gab es mal einen kleinen Anstieg.  

Oder: Selten in der Geschichte der Menschheit gab es pro Jahr so wenige Kriege und Kriegstote wie in den vergangenen Jahren – aber um solche Fakten muss man sich erst bemühen.  

Wir wollen als Christen dankbar sein für alles Gute, das es in unserer Welt auch gibt, und nicht einstimmen in den Chor der Pessimisten und Nörgler. Und wir haben es auch gar nicht nötig, z.B. in einer Evangelisation erst einmal alles schlecht zu reden, was es gibt, um dann das Evangelium umso leuchtender anzubieten. Gott liebt diese Welt und ist ihr bis heute gnädig – und uns auch! 

Mit einem herzlichen Gruß, 

Euer Wolfgang