14. Juni 2020 | Allgemein

Mein Wort zum Sonntag

Mein Wort zum Sonntag vom 13.Juni 2020 

Ihr Lieben,  

seit über 14 Tagen hat es in unserem Kreis keinen neuen Coronafall mehr gegeben, und im Augenblick ist auch niemand mehr erkrankt. Gott sei Dank!  

Trotzdem muss der ursprünglich für morgen geplante Sonntagsschulausflug coronabedingt leider ausfallen, aber wir dürfen im Gottesdienst einen weiteren Schritt in Richtung Normalität gehen 

Wir können jetzt wieder enger zusammensitzen (1,5 m Abstand statt bisher 3 m), wobei Familien ohnehin zusammensitzen dürfen. Wir haben jetzt genug Platz (maximal 44 Personen statt bisher 21), brauchen uns deshalb auch nicht mehr anmelden – aber wir müssen noch den Mundnasenschutz tragen, solange wir im Haus unterwegs sind. Sobald wir auf dem Platz sitzen, dürfen wir unsere Masken abnehmen (was ja ohnehin eine christliche Tugend sein sollte). 

Der Sonntag ist der zentrale Feiertag der Christen, seit 2000 Jahren! Das gemeinsame Hören auf Gottes Wort und die Gemeinschaft sind Grundpfeiler unseres Glaubens. Dazu lädt uns auch der Wochenspruch für die kommende Woche ein, da sendet Jesus „probeweise“ 72 Jünger aus und gibt ihnen mit auf den Weg: 

„Wer euch hört, der hört mich, und wer euch verachtet, der verachtet mich, wer aber mich abweist, der weist den ab, der mich gesandt hat“ (Lukas 10,16). 

Die Wochensprüche sind jedes Jahr die Gleichen – sie wollen wie die Losungen eine Art Motto sein, über die man in der Woche nachdenken sollte. „Wer euch hört, der hört mich“, das ist ein anspruchsvoller Satz, eine große Verantwortung für jeden Verkündiger, eine Warnung vor leichtfertigem Reden in Gottes Namen. Immer wieder in meinem Pastorenalltag habe ich – manchmal mit Schrecken – bedacht, was das bedeutet: Wie kannst du es wagen, Menschen im Namen Gottes anzureden, vielleicht zu ermahnen, die manchmal viel erfahrener im Glauben sind als du selbst? Woher nehme ich die Autorität? Ist das wirklich im Namen Gottes geredet – oder bildest du dir das nur ein? Manchmal schon habe ich in solchen Stunden gewünscht, einen „normalen“ Beruf zu haben. Aber dann schaue ich auf das hier abgebildete Bibelwort aus Jeremia 15,19, das mir vor vielen Jahren einmal meine Mutter als Spruchkarte schenkte und das seitdem über meinem Schreibtisch hängt. 

Im letzten „Puzzleteil“ habe ich eine kleine Fortsetzungsserie begonnen, damit wir vielleicht ein bisschen besser einordnen können, was in Amerika z.Zt. abgeht. Eigentlich gilt dieses Land ja als sehr christlich – aber es hat auch eine schrecklich unchristliche Geschichte. Und das ist so irritierend. Hier die zweite Folge meiner Erfahrungen und Beobachtungen. 

Euch allen einen gesegneten Sonntag, 

Euer Wolfgang

 

Wir hatten bisher: 

  1. Ein notwendiger Blick in die Geschichte der USA
  2. Der Rassismus als tickende Zeitbombe
  3. Die Macht des Geldes

 4. Das positive Erbe der amerikanischen Geschichte

Auf der anderen Seite muss ein ganz wichtiger Name der amerikanischen Geschichte genannt werden: Thomas Jefferson (1743 – 1826). Er gehört zu den entscheidenden Gründungsvätern der USA. Er war Jurist und pflegte intensive Kontakte zu europäischen Männern der Aufklärung. Er übernahm die Ideen der Gleichheit aller Menschen und der Freiheit des Einzelnen – Ideen, die später in der französischen Revolution (1789) so wichtig wurden. Der historische Rahmen: 

Die damals 14 amerikanischen Staaten waren englische Kolonien, ab 1775 begannen sie sich von England loszusagen. Es folgte der sog. Unabhängigkeitskrieg, in dem Frankreich den Amerikanern schließlich 1781 zum Sieg gegen England verhalf (und ihnen 100 Jahre später auch die Freiheitsstatute schenkte – eine Spitze gegen England).  

1776 wurde in den USA die Unabhängigkeitserklärung verfasst, den Text entwarf der o.g. Thomas Jefferson. Und da heißt es gleich zu Beginn: 

We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness 

Zu deutsch, z.T. in einer damaligen Übersetzung 

„Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht,  

  • dass alle Menschen gleich erschaffen wurden,  
  • dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt wurden, worunter sind Leben, Freiheit und das Streben nach Glück,  
  • dass zur Versicherung dieser Rechte Regierungen unter den Menschen eingeführt worden sind, welche ihre gerechte Gewalt von der Einwilligung der Regierten herleiten,  
  • dass sobald eine Regierungsform diesen Endzwecken verderblich wird, es das Recht des Volks ist, sie zu verändern oder abzuschaffen, und eine neue Regierung einzusetzen, die auf solche Grundsätze gegründet, und deren Macht und Gewalt solchergestalt gebildet wird, als ihnen zur Erhaltung ihrer Sicherheit und Glückseligkeit am schicklichsten zu sein dünket…“ 

Es wird also festgelegt, dass das Volk jederzeit das Recht hat, die Regierung zu stürzen, wenn diese ihre o.g. Grundrechte missachtet. Das war damals, als es in Europa noch absolutistisch regierende Könige gab, unglaublich mutig und zukunftsweisend. Dass alle Menschen gleich geschaffen sind, wurde zum zentralen Bekenntnis auch für spätere Verfassungen, z.B. in unserem deutschen Grundgesetz. 

So bewundernswert dieser mutige Ansatz war – so wenig funktionierte er leider in der Realität. Sogar Jefferson selbst beschäftigte Sklaven, hatte nach dem frühen Tod seiner Frau mit deren Sklavin einige Kinder – ganz wie im AT bei den Erzvätern. Überhaupt verstehen sich viele Christen in den USA nach wie vor parallel zum alten Israel, ethische Entscheidungen werden oft aus dem 3.Buch Mose begründet, und der Galaterbrief oder Apg 15 mit der Freiheit vom Gesetz für Heidenchristen sind kein wirkliches Thema.  

5. Mutige Gemeinden

Ich habe aber auch sehr Positives erlebt. Mitten in Minneapolis gibt es eine große Freie evangelische Gemeinde, die erste in der Stadt, deshalb heißt sie „First Evangelical Free Church“. Diese Gemeinde hatte fünf große typisch amerikanische Wellblech-Schulbusse gekauft, um damit sonntags die Kinder aus einem Einwanderer-Slum zur Sonntagsschule zu karren. Und über die Kinder erreichten sie die Eltern.  

Samstags zog die Jugend der Gemeinde los und fuhr in das Armenviertel, das waren damals alte Hochhäuser mit bis zu 37 Stockwerken. Ich ging mit. Wir fuhren mit dem Aufzug  bis ganz oben hin und liefen dann Stockwerk für Stockwerk abwärts, klingelten an den Türen und erinnerten die Bewohner nur daran, dass morgen früh wieder die Busse unten auf die Kinder warten. Auf jedem Stockwerk roch es anders, es war wirklich abenteuerlich.  

So kamen am Sonntag früh 250 Kinder aller Hautfarben in der Gemeinde zusammen, und die Gottesdienstteilnehmer waren so unterschiedlich in Hautfarbe, Kleidung und Benehmen, wie ich das nirgend wo sonst auf der Welt erlebt habe. Der Mut dieser weißen Gemeinde hat mich beeindruckt. 

Ich hatte vorher 10 Tage lang in einer anderen FeG gelebt, der damals größten von Minneapolis und wohl auch der USA, da kamen sonntags in zwei Gottesdiensten nacheinander ca. 2.000 Menschen zusammen.  Es war eine reine Oberschicht-Gemeinde. Damals (1978) wurde ich in dieser Gemeinde öffentlich als Gast-Pastor aus Deutschland vorgestellt und interviewt. Man fragte mich u.a. auch unvermittelt nach dem deutschen Sozialsystem aus. Ich war zum Glück im Stoff und erklärte ihnen, wie Bismarck das Solidaritätsprinzip (z.B. Krankenversicherung usw.) aufgrund von Apg 2 entfaltet hatte. Man hörte mir geduldig zu, sagte aber dann, das sei ja schon fast Kommunismus, das wolle man nicht. In Minneapolis sehen sie es heute wohl anders. 

Vor einigen Jahren traf ich den jetzigen Ältestenkreis dieser Gemeinde wieder und sie berichteten, dass sie als Gemeinde Buße getan hätten, sie hätten sich damals nur um die reiche weiße Oberschicht gekümmert und seien gedankenlos mit ihren dicken Autos an den vielen armen Menschen vorbeigefahren, die um das Gemeindehaus herum lebten. „Wenn du heute zu uns kommen würdest,“ sagten sie mir, „dann würdest du unsere Gemeinde nicht wiedererkennen – sie besteht jetzt aus Menschen aus allen Bevölkerungsschichten, arm und reich gemischt!“ Ein hoffnungsvolles Beispiel.  

Aber leider sind das aus meiner Kenntnis Ausnahmen. In weiten Teilen der USA ist es bis heute so geblieben wie früher. Die meisten Amerikaner haben z.B. keine Krankenversicherung in unserem Sinn und auf unserem Niveau. Gesundheit ist ein Privileg der Reichen, die nach ihrem Verständnis eben von Gott mit Reichtum gesegnet sind.  

Auch hier ist das Denken vielfach im AT hängengeblieben, das Evangelium für die Armen (siehe Seligpreisungen) ist kaum ein Thema. Dazu kommt natürlich verstärkend der starke Einfluss des Calvinismus, der das ähnlich sieht: Gottes Berufung und Segen zeigt sich u.a. auch in Deinem Wohlergehen. Für Leute wie Hiob ist da kaum Platz.

6. Die tiefe Skepsis dem Staat gegenüber

Die Siedler waren den z.T. tyrannisch regierenden Fürsten Europas entflohen und hatten das Risiko und die Freiheit in der Fremde vorgezogen. Seitdem gehört die Grundskepsis dem Staat gegenüber zur allgemeinen Überzeugung. Jeder ist seines Glückes Schmied, jeder hat das Recht, seine Freiheit zu verteidigen – auch mit Waffengewalt. Das Gewaltmonopol des Staates, wie es bei uns in Europa herrscht, wird dort eher mit Unverständnis quittiert. Man verteidigt sich selbst, deshalb muss man sich bewaffnen. Das überlässt man nicht irgendwelchen staatlichen Organisationen.  

Steuern – ja, aber nur die nötigsten, der Staat hat damit das Militär zu finanzieren und die Infrastruktur zu unterstützen, aber auch die nur teilweise. Eisenbahnbau, Elektrizität usw. – alles privat finanziert und organisiert. Versicherungen haben die größten „Tempel“ als Verwaltungsgebäude, sie bieten privat und für viel Geld alles das an, was der Staat nicht leistet. Ein soziales Netz wie bei uns gibt es kaum. Manchmal versuchen einige christliche Gemeinden, eine Solidargemeinschaft zu praktizieren, aber vom Staat erwartet man das nicht, will man oft auch nicht, weil man das als Freiheitsbeschneidung empfindet. 

Dadurch haben die Amerikaner natürlich so extrem geringe Lohn-Nebenkosten, als Preis dafür zahlen sie ein hohes Risiko, vor allem bei Krankheit oder Unfall. Es gibt kaum eine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, man bekommt sofort die Kündigung. Und zum Arzt geht man auch nur im Notfall, denn man muss alles selbst bezahlen. Eine schwere Krankheit zwingt viele, das Haus zu verkaufen. Gute medizinische Versorgung ist eben ein Privileg der Reichen. Obama wollte das ändern und wenigstens eine Basisversicherung einführen, aber ist damit weitgehend gescheitert. 

Fortsetzung folgt 

Hintergründe und Erfahrungen, aus denen dieser Aufsatz gespeist ist: 

Das Thema „Amerika“ verfolgt mich schon sehr lange. Ich habe seit meinem 16. Lebensjahr intensiven Kontakt mit amerikanischen Christen und habe ihnen viel zu verdanken. Ein amerikanischer Pastor hat mich jahrelang seelsorgerlich begleitet, er hat uns auch getraut.  

Ich war schon 1978 wochenlang in den USA in einer Kommission unterwegs, in der wir die am schnellsten wachsenden FeG-Gemeinden zu untersuchen hatten. Dabei hatten wir engste Kontakte mit der Bundesleitung unseres Schwesterbundes, dessen Zentrale sich in Minneapolis befindet. Außerdem besuchten wir u.a. das Billy-Graham-Zentrum in Minneapolis und diskutierten mit seinen Stellvertretern über Evangelisationsstrategien. Er selbst war nicht im Haus. 

Einer unserer Söhne lebte sechs Monate als Schüler in Seattle. 

Ab 2000 hatte ich wieder dienstlich in den USA zu tun, weil wir als Mission zwei Niederlassungen dort hatten.  

2008 habe ich zusammen mit dem Schweizer Theologen Peter Henning für den ERF-Programmausschuss eine ausführliche Grundsatzstudie über den amerikanischen Fundamentalismus vorgelegt. Im Zusammenhang mit den Vorbereitungen musste ich mich intensiv in die Fachliteratur einlesen. Im gleichen Jahr konnte ich diese Studie als Grundlage für ein Seminar auf dem Christival in Bremen verwenden, als der Referent ausfiel und ich einspringen musste.  

Eine Literaturliste kann ich auf Wunsch herausgeben, würde hier aber zu lang sein.