2. Mai 2021 | Allgemein

Mein Wort zum Sonntag

Mein Wort zum Sonntag vom 17. April 2021 

Ihr Lieben,  

wie ich schon letzte Woche erklärte, haben die sechs Sonntage nach Ostern lateinische Namen, weil Latein die Kirchensprache des Mittelalters war. Morgen ist „Misericordia(s) Domini“ – das Erbarmen des Herrn. Psalm 89,2 liegt diesem Titel zugrunde: „Ich will singen von der Gnade (vom Erbarmen) des Herrn ewiglich“ – lateinisch eben “Misericordias Domini in aeternum cantabo.” Es ist nach alter Tradition auch der Sonntag des guten Hirten, Psalm 23 und Johannes 10 stehen natürlich im Mittelpunkt liturgischer Lesungen. 

Wir werden am Sonntag mit der Betrachtung der sog. Sendschreiben der Offenbarung weitermachen, ich hatte mich schon recht weit mit Thyatira (Offb. 2, 18-29) beschäftigt, die Behandlung dann aber doch verworfen und mich dem nächsten Text über Sardes zugewandt (Offb 3,1-6). Denn je länger ich über Thyatira nachdachte, desto mehr merkte ich, dass die meisten Einzelthemen eigentlich schon in den vorherigen Sendschreiben vorkamen und also wenig Neues zu entdecken war. Thyatira ist nur eine Stufe schärfer formuliert. 

Also, es geht morgen früh um Sardes, die Gemeinde, die nach außen ganz gut dasteht, aber im Inneren z.T. schon erstorben ist. Eine sehr herausfordernde Thematik. 

In wenigen Tagen ist der 20. April. In meiner Kindheit sagten viele Leute dann „Führers Geburtstag“. Das hat sich mir seit damals eingeprägt. Gerade in der letzten Zeit fragen aber viele Beobachter der Gesellschaft, warum gerade Christen weltweit so anfällig sind für Querdenker-Thesen, Verschwörungstheorien, radikale Parteien, „Führer“ und Möchtegern-Diktatoren, viel mehr als der Durchschnitt der Bevölkerung. Donald Trump war und ist der Liebling der Evangelikalen in den USA, in Brasilien verehren viele Christen den fragwürdigen Präsidenten Jair Bolsonaro fast wie einen Halbgott, viele (besonders russlanddeutsche) Christen sind glühende Verfechter der AfD, und auch Adolf Hitler wurde zu seiner Zeit dankbar als Geschenk Gottes gefeiert. Das nebenstehende Blatt aus einem christlichen Kalender von 1940 ist heute sehr irritierend.  

Ganz besonders in den USA kocht z.Zt. die Situation hoch: Franklin Graham, der Sohn von Billy Graham, preist Trump immer noch als den besten Präsidenten, den die USA je hatten. Und Eric Metaxas, der durch seine umstrittene Bonhoeffer-Biografie bekannt wurde, gehörte zu den Organisatoren des gewaltsamen Sturms auf das Kapitol in Washington am 6. Januar. Er vergleicht die Demokratische Partei mit den Nazis von damals, Biden mit Hitler, sich selbst mit Bonhoeffer und fordert – notfalls gewaltsam – Widerstand gegen die jetzige Regierung. Auch wettert er gegen das Impfen und 45% der weißen Evangelikalen in den USA sehen das ähnlich. In der gesamten weißen Bevölkerung hingegen sind nur 27% impfskeptisch. Metaxas sieht die Impfkampagne von Biden sogar als Beginn eines „zweiten dritten Reichs“. 

Bleibt nur zu hoffen, dass dieser Unsinn nicht auch noch zu uns herüberschwappt. Die New York Times schreibt dazu: „Dieser Opposition liegt ein Mix aus religiösem Glauben und einem althergebrachten Misstrauen gegenüber etablierter Wissenschaft zugrunde, und das wird zusätzlich befeuert durch ein breites kulturelles Misstrauen gegenüber Institutionen und einem Zug hin zu Online-Verschwörungstheorien.“  

Es gibt – Gott sei Dank – auch in den USA Gegenstimmen. So schreibt die größte christliche Zeitschrift CHRISTIANITY TODAY (von der unsere CHRISTSEIN HEUTE abgekupfert wurde): „Die Gefahr von Covid 19 herunterzuspielen, missachtet das Leid, das so viele im Zuge dieser Seuche erlebt haben, und ist das Gegenteil von liebenswürdiger Güte. Für Evangelikale, die Jesus folgen, ist das inakzeptabel.“ 

Aber was ist bei Graham, Metaxas und ihren Freunden schief gelaufen? Manche sagen, die Evangelikalen hätten ja schon immer ein schwieriges Verhältnis zur Demokratie, weil sie in der Bibel nicht vorkommt. Kaiser und Könige sind da vertrauter, und selbst in manchen modernen religiösen Liedern gibt es immer wieder den König Jesus, „für den König, für den Herrn…“ Manche dieser Lieder nähren bei mir den Verdacht, dass wir uns in eine Parallelwelt hineinsingen, die mit unserem Alltag immer weniger zu tun hat. 

Dabei hat unsere Demokratie nicht nur griechische Wurzeln, sondern gründet sich auf das Menschenbild im NT. Dort gilt: Die ganze Gemeinde entscheidet mit, weil alle berufen sind und den Hl. Geist haben. Die Zeit ist vorbei, in der nur einzelne Führerpersonen (Pastoren/Älteste usw.) allein das Sagen hatten.  

Ein typisches Beispiel ist Apostelgeschichte 6: Es gibt Unruhe in der Gemeinde, weil die Witwenversorgung nicht richtig klappt. Die Apostel ziehen sich aber jetzt nicht in eine Klausur zurück und verkünden dann: „Wir haben beschlossen, diese sieben Männer zu berufen…“ Sondern sie legen das Problem der ganzen Gemeinde vor (V 2). Dann machen sie einen konstruktiven Vorschlag (V 3) und spielen die Verantwortung an die gesamte Gemeinde zurück (V 3 und 5). Letzten Endes beruft dann die Gemeinde ihre Mitarbeiter, nicht die Apostel. Die segnen die von der Gemeinde Berufenen dann nur noch zum Dienst ein. 

In Teilen der amerikanischen Tradition (und manchen von dort beeinflussten Gemeinden in Deutschland) orientiert man sich traditionell lieber am AT als am NT. Viele Pastoren sehen sich gern als Führer wie Mose, manche dulden keinerlei Widerspruch. Mitgliederversammlungen in solchen Gemeinden treffen auch keine Entscheidungen, sondern nehmen die Entscheidungen ihrer Leiter nur zur Kenntnis.  

Das alles hat in den USA mit dem Urmythos der frommen Einwanderer zu tun, die sich immer in absoluter Parallelität mit der Landnahme Israels unter Josua verstanden. Deshalb war der Völkermord an den Indianern, von denen nur wenige Prozent die weiße Invasion überlebt haben, dort kein Problem. Sie waren ja die Kanaaniter und „Teufelskinder“, die man im Auftrag Gottes vertreiben muss. Ich habe erschütternde Protokolle von Dankgottesdiensten der weißen Einwanderer nach Massakern an den Indianer gelesen.  

Nachdem ich zusammen mit anderen Kollegen eine Zeitlang in den USA die schnell wachsenden Gemeinden im Auftrag unseres Bundes analysieren sollte, war ich sehr ernüchtert und bin seitdem skeptisch im Blick auf die unkritische Übernahme amerikanischer Gemeindemodelle für uns in Deutschland. Ja, wir können manches lernen. Aber es dreht sich auch Vieles nur noch um Wachstum und Zahlen, wie in einem Wirtschaftsbetrieb. Da geht es mir übrigens wie Dietrich Bonhoeffer, der schon 1930 in den USA eine sehr ernüchternde Bilanz zieht: Eine große Frage ist es, …ob man hier eigentlich noch von Christlichkeit reden kann und wo dann das Kriterium liegt. Es hat doch keinen Sinn, dort, wo das Wort wirklich nicht mehr gepredigt wird, noch Früchte zu erwarten…“ 

So, nun habe ich wieder mehr geschrieben, als ich ursprünglich wollte. Aber „mein Wort zum Sonntag ist ja kein Andachtsbuch, sondern hier ist Raum für Gedanken, Anregungen und Hintergrundinformationen, die sich für uns als Christen in der Gesellschaft ergeben. Und weil nicht jeder die Möglichkeit hat, die aktuelle Lage intensiv zu verfolgen, streue ich solche Informationen immer mal wieder ein. Sehr informativ und empfehlenswert ist übrigens auch die „Christliche Medieninitiative PRO“, von dort habe ich auch manche Zitate. PRO ist kostenlos und erscheint als Newsletter regelmäßig als proKOMPAKT und als pro-medienmagazin.de im Internet. 

Wir beschweren uns nicht über das, was Gott uns nicht gibt, sondern wir danken Gott für das, was er uns täglich gibt. Dieses Bonhoeffer-Zitat war mir schon letzte Woche wichtig. Wir hatten ja überlegt, ob wir wieder zaghaft mit Präsenzgottesdiensten beginnen sollten, aber die Inzidenzzahlen sind in unserem Kreis derartig gestiegen, dass es wohl noch zu früh ist. Wir bleiben also bei den Streaming-Gottesdiensten und freuen uns, wenn möglichst viele am Bildschirm dabei sind. 

 

Mit einem ganz herzlichen Gruß 

Wolfgang Buck

 

P.S. 

Vor ein paar Tagen ist ein guter Freund von uns gestorben. Plötzliches Hirnbluten. Er war viele Jahre Gemeindeleiter einer kleinen FeG. Im November haben wir noch zusammen im Wald gearbeitet. Er war kerngesund. Seit 45 Jahren kennen wir uns, und es war sein Wunsch, dass ich einmal seine Beerdigung übernehmen sollte. Das will ich am Freitag in Lüdenscheid tun. Es wird nicht leicht.