24. Januar 2021 | Allgemein

Mein Wort zum Sonntag

Mein Wort zum Sonntag vom 23. Januar 2021 

Ihr Lieben,  

die Welt atmet auf, die angeblich mächtigste Nation der Erde hat einen neuen Präsidenten, die Zeit der täglichen Fehlinformation und Lügen ist erst einmal vorbei. Eine große amerikanische Zeitschrift hatte Tag für Tag Faktenchecks zu Trumps Behauptungen geführt und in den vier Jahren 30.000 Lügen und Halbwahrheiten registriert – ein trauriger Rekord. Und das Schlimmste für mich: Weite Teile der evangelikalen Christen in den USA lagen ihm zu Füßen und verehrten ihn als den von Gott gesandten Retter. Wenn ein Präsident sagt, er sei gegen Abtreibung und Homosexualität, dann kann er ansonsten so kriminell sein wie er will, man verehrt ihn. Mein Kollege Christoph Schmitter (Würzburg) hat es auf facebook treffend auf den Punkt gebracht: 

Große Teile der evangelikalen Christen sahen „darüber hinweg, dass ein Narzisst so gut wie alle christlichen Grundwerte mit Füßen tritt. Er wurde in weiten Teilen dieser Christenheit nicht nur ertragen, sondern sogar gefeiert…Dass der Irrsinn derart in Kreisen um sich greift, die mir einst…noch Vorbild und Inspiration für die Gestaltung von Glauben… waren. Empfinde ich als ziemlich ernüchternd und …beschämend….Entschuldigungen und Erklärungsversuche kommen spät….So spät, dass es schwer ist, dahinter einen echten Willen zur Aufarbeitung zu erkennen, die die hässliche Frage stellt, was eigentlich schief läuft in christlichen Szenen und Seelen, dass so viele so leicht zum Opfer der Lüge werden können….“ 

Christoph Schmitter stellt dieselben Fragen, die mir auch immer wieder kommen: 

Warum haben die Christen in Deutschland Hitler lange Zeit ebenso begeistert verehrt wie die Amerikaner Trump? Warum gibt es bei den deutschen Evangelikalen so viele glühende Anhänger der AfD? Warum finden sich unter den militanten Corona-Leugnern auch so viele Evangelikale? Was stimmt in unserer Theologie nicht, dass wir da so anfällig sind? Warum wird die Bergpredigt so schnell vergessen, wenn es um Politik geht? Warum sind manche Evangelikale so wenig friedfertig, sondern eher militant und radikal in ihren Ansichten? Was hat die bisherige Verkündigung falsch gemacht? Warum freuen sich manche Christen klammheimlich über das Endgericht über alle Gottlosen, statt wie Jesus zu weinen über den Verlorenen? 

Die Jahreslosung gibt uns den Maßstab: Barmherzigkeit – mit Irrenden, mit Leidenden, mit Gegnern und mit Sündern – das ist Gottes Maßstab. Sonst hätte er sich das Kreuz sparen können.  

So wie Jesus über Jerusalem weinte, so weint er vielleicht auch über uns, über unsere Hartherzigkeit, über unsere Aufrechnung alter Erfahrungen, über unsere Unwilligkeit, immer wieder erste Schritte der Versöhnung aufeinander zu zu machen. 

Etwas anderes liegt mir noch am Herzen: Die Coronalage scheint sich zu entspannen, Gott sei Dank. Die Inzidenzwerte sinken, vor allem auch in unserer Heimat. Alle haben aber Angst vor den gefährlichen Mutationen. Deshalb müssen wir noch eine Weile durchhalten. Nun gilt für drei Wochen die neue Regel, dass Gottesdienste ab 10 Personen eine besondere  Genehmigung brauchen. Wir werden also noch eine Weile im Gemeinde-Ausnahmezustand verharren müssen.  

Wie gut, dass unser Technik-Team hier ganze Arbeit geleistet hat:  Der Großbildschirm mit seiner unvergleichlichen Bildqualität ist einsatzbereit, ein Monitorbildschirm wurde gespendet und an der Empore montiert, sodass Prediger und Moderatoren immer sehen, was auf dem großen Bildschirm erscheint – alles ist optimal bereit für den Neustart in hoffentlich wenigen Wochen.  

Bis dahin haben wir endlich wie viele andere Gemeinden auch einen Internet-Anschluss im Gemeindehaus und damit die Möglichkeit, unsere Gottesdienste mit einem kleinen Team durchzuführen und direkt in die Häuser zu senden. Dazu muss man natürlich einen Internet-Anschluss und einen Computer haben – was die allermeisten inzwischen besitzen. Man kann sich einwählen und sofort dabei sein. Wie das geht, hat Ken Küchler als neuer Leiter der Technik auf den nächsten beiden Seiten erklärt. Langfristig kann diese Technik auch die kleinen Würfel ersetzen, die bisher an diejenigen verteilt wurde, die den Gottesdienst nachhören wollten. 

Diese Veränderungen machen natürlich etwas mit uns. Das Gemeindeleben nach Corona wird anders sein als vorher. Hauskreise und Kleingruppen können bei Bedarf auch virtuell stattfinden – aber eigentlich ist die wirkliche Begegnung doch nach wie vor die Krönung der Gemeinschaft und durch keine Technik vollständig zu ersetzen. Jede technische Revolution hat das nicht ersetzen können. Als man Bücher drucken konnte, hat das auch nicht die echten Begegnungen in der Gemeinde ersetzt – aber ergänzt: Vor 200 Jahren gab es überall die „Hauspostillen“, das waren Predigtsammlungen, die man sonntags zuhause vorlas, wenn der Weg zur Kirche zu weit war. 

Was immer geschieht – unser Herr bleibt derselbe, gestern, heute und in alle Ewigkeit. 

Herzlichst, 

Euer  Wolfgang