30. November 2020 | Allgemein

Mein Wort zum Sonntag

Mein Wort zum Sonntag vom 28.November 2020 

Ihr Lieben, 

„Die Wissenschaft hat festgestellt, festgestellt, festgestellt, dass Marmelade Fett enthält, Fett enthält…“
Dieses Liedchen haben schon Generationen von Jungscharlern gesungen, wir früher auch. Keiner weiß, woher es kommt – aber es nimmt die Wissenschaft gehörig auf den Arm – mit Recht. Denn „wissenschaftlich erwiesen“ und ähnliche Bezeichnungen werden gern in der Werbung eingesetzt. Muss dann ja stimmen. – Weit gefehlt! Denn wer so denkt, hat wenig davon verstanden, wie Wissenschaft wirklich funktioniert.  

Gerade in der Coronazeit werden wir überhäuft mit angeblich „wissenschaftlichen“ Gutachten, Behauptungen und steilen Thesen. Was ist da dran? Und wie „tickt“ seriöse Wissenschaft eigentlich? Eigentlich ganz einfach: 

  1. Die Menschen machen eine Beobachtung, z.B. dass die Sonne morgens im Osten aufgeht und abends im Westen untergeht. 
  1. Sie versuchen, dazu eine plausible Erklärung zu finden. Die Ägypter dachten z.B., dass die Sonne, wenn sie im Westen ins Meer gefallen ist, auf ein kleines Schiff verladen wird, nachts unter der Erde durch einen Kanaltunnel nach Osten transportiert und dort wieder freigelassen wird. Das war „Wissenschaft“ im damaligen Horizont. Und alle glaubten es.  
  1. Eine solche Erklärung nennt man „Arbeitshypothese“, sie gilt so lange, bis weitere Beobachtungen sie ergänzen oder verwerfen. Später sagte man, die Sonne drehe sich um die Erde, und noch später wusste man, dass es umgekehrt ist: Die Erde dreht sich um die Sonne. Jede Erklärung war in ihrer Zeit „wissenschaftlich“. 
  1. Deshalb ist „Wissenschaft“ immer nur der gegenwärtige Wissensstand, Stückwerk (vgl. 1 Kor 13,9!). Niemals wird der Mensch alles wissen und erklären können, zumal nach jeder beantworteten Frage mindestens 10 neue Fragen aufkommen. So gesehen, haben sich Wissenschaft und Glaube im Grunde noch nie ernsthaft widersprochen. Unsere Welt, Gottes Schöpfung – sie bleibt ein ewiges Rätsel, das wir nie ganz entschlüsseln können. 

Auf unsere Situation angewandt: 

Als wir mit Corona konfrontiert wurden, gab es noch wenig Forschungen zu dem Thema. Heute weiß man wesentlich mehr. Anfangs dachte man z.B., die Masken nützen nicht viel. Dann kamen genauere Untersuchungen mit dem Ergebnis: Sie schützen doch mehr, als man dachte. Wer deswegen die Virologen als Deppen hinstellt, die mal so und mal so sagen, hat Wissenschaft nicht verstanden. Eine neue Sicht auch öffentlich zuzugeben, gerade das zeichnet seröse Wissenschaft aus. Sie kann irren, sie kann sich aber auch korrigieren. Ideologien tun das nicht, sie haben angeblich immer Recht. „Wie ich schon immer sagte…“ ist ein verräterischer Satz, egal, ob in der Politik oder in der Gemeinde. Er sagt im Grunde, dass man schon immer alles besser wusste und nichts dazugelernt hat. Gerade heute sind aber Flexibilität und neue Antworten dringend gefragt. 

Denn wir leben in einer sehr herausfordernden Zeit. Ganz viel verändert sich in einem unbeschreiblichen Tempo. Eine unerwartete Anpassungsfähigkeit wird uns abverlangt. So Vieles sieht plötzlich anders aus: 

  • Wer durch unsere Gegend fährt, staunt über die Durchblicke und die unerwartete Fernsicht, wo bislang dichter Wald stand. Der Borkenkäfer hat ganze Arbeit geleistet. 
  • Wer in die Gesellschaft schaut, nimmt überwiegend das Thema „Corona“ wahr. Wir erleben Einschränkungen und Veränderungen, die wir uns vor einem Jahr noch nicht vorstellen konnten. 
  • Wer in die Weltpolitik schaut, sieht, wie eine der ältesten Demokratien der Welt in einen „Bananenstaat“ abzugleiten droht, weil für den scheidenden Präsident seine Abwahl nicht ins Weltbild passt. 
  • Und wer in unsere Gemeinde schaut, sieht, wie bis auf den Gottesdienst fast alles schwierig oder unmöglich geworden ist, was uns lieb und wert war: Gemeinsames Singen im Gottesdienst, Stehkaffee am Sonntag, Gespräche in Gruppen, Kleingruppenarbeit und sogar unser Flaggschiff Zeltlager durfte nicht auslaufen. Und Weihnachten wird es weder eine Sonntagsschul-Weihnachtsfeier noch die traditionellen Weihnachtsgottesdienste mit vollem Haus geben. Wir werden aber versuchen, am Hl. Abend zwei identische Gottesdienste hintereinander anzubieten.