21. Oktober 2020 | Allgemein

Mein Wort zum Sonntag

Mein Wort zum Sonntag vom 17.Oktober 2020 

Immer diese Freikirchen! 

Während man aus den großen Kirchen keine negativen Meldungen zu Corona hört, geraten die Freikirchen immer mehr in den Blickpunkt der Kritik, vor allem durch Hochzeiten und zu lasches Einhalten der Abstands- und Maskenregeln. Und die gesamte Bevölkerung des jeweiligen Kreises wird automatisch mitbestraft 

Eine russlanddeutsche Freikirche im Frankfurter Raum eröffnete den „Reigen“, die Bibelschule Brake ist nach der Absolvierungsfeier zum Hotspot geworden, das charismatisch geprägte Glaubenszentrum Bad Gandersheim ebenso, dort ermittelt inzwischen sogar die Staatsanwaltschaft, im Kreis Rotenburg „glänzt“ eine freikirchliche Gemeinde durch Missachtung der Regeln und handelt sich prompt große öffentliche Negativschlagzeilen ein, so berichtet der NDR: 

Das Gesundheitsamt führt den Anstieg auf mehrere Gottesdienste in der Gemeinde zurück, bei denen auch gesungen wurde. Als die ersten Fälle auftraten, wurde das Gesundheitsamt nach Angaben eines Kreissprechers erst verzögert informiert. Das Infektionsgeschehen sei dadurch nun sehr dynamisch, hieß es. Jegliche Treffen seien untersagt worden. Zudem prüft der Landkreis, ob ein Bußgeldverfahren eingeleitet wird. Neben der verspäteten Meldung über Infektionen seien auch die erfassten Kontaktdaten der Gottesdienstbesucher nur verzögert übermittelt worden. 

Der Kreis Lippe – wo es viele große russlanddeutsche Freikirchen gibt – zieht jetzt sogar die Notbremse und geht mit einem offenen Brief auf diese Gemeinden besonders zu, um sie eindringlich zu ermahnen.

Und schließlich hat es auch uns im Kreis Aktenkirchen erwischt. Seit Freitag gehören auch wir zum „roten“ Bereich mit über 50 Infektionen auf 100.000 Einwohner, nur weil in Altenkirchen eine russlanddeutsche Baptistengemeinde eine große Hochzeit zu leichtfertig gefeiert hat und viele Menschen sich dort infiziert haben. Ganz schlimm ist es, wenn dann auch noch die Mitarbeiter des Gesundheitsamtes von den dortigen freikirchlichen Christen angepöbelt werden.  

Die Siegener Zeitung zeigt heute ein Foto, welches das Ausmaß des Dilemmas überdeutlich zeigt: „Ich bin der Herr, dein Arzt“ lesen die Leute am dortigen Gemeindehaus, (wobei die Bibelstelle auch noch falsch angegeben ist, richtig ist 2.Mose 15,26) – und können nur noch den Kopf schütteln. Klingt fast so, als ob man sich gar nicht um seine Gesundheit kümmern müsste – übrigens ist der Text total aus dem alttestamentlichen Zusammenhang gerissen. Nach so einem Imageschaden wird es die Gemeinde in Zukunft schwer haben, missionarisch zu wirken. 

Unser Landrat Dr. Enders, selbst Arzt, schreibt deutlich:  

„Ich habe überhaupt kein Verständnis dafür, wenn vergleichsweise wenige Unvernünftige die Situation noch verschlimmern. Verstöße gegen die Quarantäneauflagen werden konsequent geahndet.“  

Das Schlimme ist, dass durch die Unvernunft einzelner Gemeinden immer ein ganzer Landkreis in eine Art Geiselhaft genommen wird und extrem strenge Auflagen bekommt.  

Was heißt das alles für uns? 

Wir werden ab sofort wieder strengere Maßstäbe anlegen müssen, um zu verhindern, dass unsere Gottesdienste wie im Frühjahr erneut ganz zum Erliegen kommen. Wie diese Maßstäbe auch bei uns aussehen werden, kann man z.B. an den Regeln der Stadt Mainz ablesen, die schon einige Tage im roten Bereich ist, da heißt es u.a.: 

Der Aufenthalt im öffentlichen Raum darf nur mit maximal 5 Personen oder zwei Hausständen erfolgenBei dem Besuch von Kirchen und Gottesdiensten von Religions- oder Glaubensgemeinschaften oder deren Versammlungen gilt die Maskenpflicht auch am Platz.  

Alle weitere Infos aus Mainz unter: https://www.mainz.de/verwaltung-und-politik/buergerservice-online/aktuell-schutz-gegen-corona-infektionen-auf-einen-blick.php 

Also:  

Maskenpflicht leider auch am Platz 

Strenge Einhaltung der Teilnehmer-Obergrenzen 

Strenge Einhaltung der Abstands,- Hygiene- und Einbahnregeln 

Nur Personen aus einem Haushalt dürfen zusammensitzen 

Keine Gespräche in Gruppen nach dem Gottesdienst 

So viel zu diesem aktuellen Thema. 

 

Morgen früh geht es im Gottesdienst um eine ganz aktuelle Frage: Was ist Wahrheit? 

Und vor allem: Wie viel Wahrheit ist am Krankenbett erlaubt / geboten / erforderlich? 

„Was ist Wahrheit?“ – diese Frage, die schon Pilatus an Jesus gerichtet hat (Johannes 18,38), beherrscht in der letzten Zeit die öffentliche Diskussion. In der Bibel ist „Wahrheit“ nicht in erster Linie Faktenwahrheit, sondern meint die Wirklichkeit, wie Gott sie sieht – und auch seine Treue und Zuverlässigkeit. „Sende dein Licht und deine Wahrheit“ (Psalm 43,3-4) meint also im Klartext: „Herr, ich vertraue dir, öffne du mir die Augen, dass ich dich, die Welt und mich selbst so sehe, wie du es siehst.“ Psalm 42/43 ist eine Einheit, zunächst ein Klagelied und schließlich eine Art Pilgerlied auf dem Weg zum Tempel. In der Gegenwart Gottes bleibt nur das bestehen, was Wahrheit in Gottes Augen ist. 

„Was ist Wahrheit?“ diese ewig aktuelle Frage hat natürlich an Brisanz gewonnen, seitdem der amerikanische Präsident fast täglich irgendwelche Behauptungen in die Welt setzt. Bei beharrlichen Nachfragen kommt dann manchmal die Antwort: „Es könnte ja sein.“ So auch bei dem verrückten Rat, gegen Corona einfach Desinfektionsmittel zu trinken oder zu injizieren: „Es war nur eine Idee, es könnte ja helfen, man müsste das mal prüfen, sagte er auf kritische Nachfragen. Einige Amerikaner haben das für bare Münze gehalten und sind daran gestorben. 

„Es könnte ja sein“ – d.h. mit einer hypothetischen Behauptung setzt man etwas in Gang, das schnell eine Eigendynamik entwickelt und oft genug immer mehr Anhänger findet: „Es könnte ja sein!  Im Internetbereich nennt man solche erfundenen Meldungen „Hoax“, das Wort kommt wohl von Hokuspokus.  

WIKIPEDIA erklärt dazu: Als Hoax … engl. für Jux, Scherz, Schabernack; auch Schwindel) wird heute meist eine Falschmeldung bezeichnet, die in Büchern, Zeitschriften oder Zeitungen, per E-MailInstant Messenger oder auf anderen Wegen (z. B. SMSMMS oder soziale Netzwerke) verbreitet, von vielen für wahr gehalten und daher an Freunde, Kollegen, Verwandte und andere Personen weitergeleitet wird. 

Auch ich blieb vor einer heftigen Falschmeldung nicht verschont, vor gut 20 Jahren erlebte ich Folgendes: Wir hatten in Haiger eine blühende Gemeindearbeit, eine große Öffentlichkeit (z.B. zweimal den ZDF-Gottesdienst live aus unserer Gemeinde) usw. Das rief auch Neider auf den Plan. Irgendwann hörte ich von einem Gerücht, das im Raum Haiger/Dillenburg immer mehr um sich griff: „Der Wolfgang Buck predigt nur deshalb so gut, weil er mit dem Teufel im Bunde steht, Vorsicht!“  

Ob meine Predigten damals gut waren, kann ich nicht beurteilen, anfangs lachte ich nur darüber und tat die Sache ab. Aber es kam immer häufiger vor, dass ich von allen möglichen Leuten darauf angesprochen wurde, ob das denn sein könne. Denn ein Körnchen Wahrheit könnte doch dran sein. 

Mehr durch Zufall bekam ich irgendwann den Urheber dieses Gerüchtes am Telefon zu fassen, ein rumäniendeutscher Christ aus einer engen freikirchlichen Gemeinde bei Dillenburg. Ich glaube, er rief mich selber an und wollte etwas von mir wissen, mich vermutlich aushorchen, aber im Laufe des Gesprächs gab er unumwunden zu, dass er das Gerücht in die Welt gesetzt habe. Auf meine Frage, wie er dazu komme, kam genau diese Antwort aller Gerüchtemacher: „Es könnte doch so sein!“ 

Ich habe ihm dann sehr deutlich gesagt, dass solche Verleumdung für einen Christen gar nicht geht, u.U. sogar strafbar sei. Ihn schien das aber nicht zu überzeugen, man darf doch mal laut denken… Über die Folgen hatte er sich keine Gedanken gemacht. Zum Glück verstummte das Gerücht aber bald. 

Ich merkte damals, wie hilflos man solchen Gerüchten ausgesetzt ist. 

„Es könnte doch so sein!“ – Seitdem jeder, der einen Internetanschluss hat, die verrücktesten Behauptungen ungeprüft weltweit öffentlich machen kann und immer auch irgendwelche Anhänger findet, ist es für viele sehr schwer geworden, Wahrheit von Lüge zu unterscheiden. Denn wer immer etwas behauptet – er muss sich vor niemandem verantworten. 

Ganz anders in der seriösen Berichterstattung: Es gibt den deutschen Presserat und den verpflichtenden Pressekodex (https://www.presserat.de/pressekodex.html) mit klar formulierten ethischen Standards, dem sich jeder öffentliche Sender und jede Zeitung unterwerfen muss. Und es gibt auch öffentliche Rügen bei Übertretungen; mit Abstand die meisten Rügen für unsachgemäße Berichterstattung bekommt seit Jahren die BILD-Zeitung, aber auch IDEA-Spektrum war schon mal dabei. Eine Hilfe zur Prüfung kann auch die etwas unübersichtliche Seite „Übermedien“ (https://uebermedien.de/) sein.  

Die großen Boulevardblätter leben ja davon, dass sie vor allem das schreiben, was die Leute gerne lesen, schließlich geht es um Verkaufszahlen. Da bleibt die Wahrheit schon mal auf der Strecke. 

Also – bei allen Meldungen, Blogs und Internetbehauptungen, die sich nicht dem Pressekodex verpflichtet sehen, ist grundsätzlich äußerste Vorsicht geboten, auch wenn sie auf den ersten Blick plausibel und interessant aussehen. Man sollte solche Dinge auch keinesfalls ungeprüft weiterleiten, weil man sich dann schnell zum Verteiler von Lügen macht.  

Schon beim Propheten Sacharja (8,16-17) lesen wir:  

Das ist’s aber, was ihr tun sollt: Rede einer mit dem andern Wahrheit und richtet wahrhaftig und recht, schafft Frieden in euren Toren; keiner ersinne Arges in seinem Herzen gegen seinen Nächsten, und liebt nicht falsche Eide; denn das alles hasse ich, spricht der HERR. 

Und Paulus greift das im Epheserbrief (4,25) auf:  

Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind. 

 

Etwas ganz anderes: Am 25. Oktober sollte mein lieber Kollege Werner Thomas bei uns den Gottesdienst halten. Leider ist er am 4. Oktober ganz plötzlich an einem Herzstillstand verstorben. Werner Thomas war viele Jahre als Missionar der AM in Brasilien, später arbeitete er bis zum Ruhesstand in der Zentrale in Ewersbach als Missionssekretär. Er gehörte jahrelang zur FeG Haiger, bis er nach Herborn umzog und zur dortigen FeG wechselte. Wir werden am 25. Oktober versuchen, eine seiner letzten Predigten in Herborn per Video anzusehen.  

„Liebe und Wahrheit“ ist also das Thema des morgigen Gottesdienstes. Dabei geht es um Jesaja 38: Der König Hiskia ist krank, und der Prophet Jesaja muss ihm seinen baldigen Tod verkünden. Klingt sehr brutal, das Thema ist aber immer aktuell. Wieviel Wahrheit verträgt ein Kranker? 

Mit dieser nachdenklichen Frage verabschiede ich mich bis morgen früh, 

Euer Wolfgang