31. Dezember 2020 | Allgemein

Mein Wort zum Jahreswechsel

Mein Wort zum Jahreswechsel vom 31.Dezember 2020 

Ihr Lieben,  

was für ein Jahr liegt hinter uns! 

Corona-Pandemie, Reisebeschränkungen weltweit, Maskenpflicht, Veranstaltungsstopp, Wirtschaftsprobleme, neue Milliardenschulden – und eine der ältesten Demokratien droht zeitweise zum Bananenstaat zu verkommen, weil ein selbstverliebter Präsident seine Niederlage einfach nicht akzeptieren will. Gleichzeitig nimmt die Verehrung ihres Noch-Präsidenten bei manchen Fans schon pseudoreligiöse Züge an: Neulich sah ich eine Reportage aus einem amerikanischen Krankenhaus; da berichtete das Pflegepersonal, dass manche sterbenskranken Corona-Patienten wütend auf ihre Ärzte sind, weil sie ihnen angeblich ihre wahre Krankheit verheimlichen. Corona könne es ja nicht sein, der Präsident hat doch gesagt, das sei nur eine kleine Grippe. 

Noch nie in der jüngeren Geschichte hat es das gegeben, dass wir unsere Gottesdienste zeitweise ausfallen lassen mussten, noch nie sind wir uns im Gemeindehaus mit Masken begegnet, noch nie war das Singen verboten, weil zu gefährlich. Aber es werden wieder andere Zeiten kommen, und ich hoffe, dass wir in einem Jahr entspannter sein können. 

Was für ein Jahr! – Wie gut, dass wir am Anfang gar nicht wussten, was da alles auf uns zukommen wird. Manchmal kann ich das Wort Corona gar nicht mehr hören, seit Monaten ist es das bestimmende Thema jeder Nachrichtensendung. Geht irgendwie auf die Nerven – aber einfach leugnen und den Kopf in den Sand stecken ist auch keine christliche Tugend.  

Dabei hatte das Jahr 2020 so harmlos begonnen. Die Neujahrsreden waren wie üblich – egal, ob in der Politik oder in den Predigten zum Jahreswechsel: Dank für die Vergangenheit und Zuversicht für die Zukunft. Aber was dachten wir eigentlich Jahr für Jahr an Silvester und Neujahr, damals – in den Jahren vor Corona? 

Wir versuchten jedes Mal, das zurückliegende Jahr und die Vergangenheit zu beschreiben und sie dann einfach – nach vorn zu verlängern: Aber ist Zukunft wirklich bloß eine nach vorne verlängerte Vergangenheit? 

Geht das wirklich? Ist die Zukunft so einfach vorhersehbar und berechenbar? In einer Welt, in der alles durch entsprechende Computerprogramme berechenbar erscheint, mag das klar sein. Aber ist die berechnete Zukunft dann auch die wirkliche Zukunft? Kann nicht jede Minute etwas Unvorhergesehenes hereinbrechen? Theoretisch vielleicht, aber doch nicht in der Praxis, so dachten wir. Wenn ich in Diskussionen daran vorsichtig zweifelte, erntete ich manchmal Unverständnis, die Fakten seien doch klar. Was soll da noch aus dem Ruder laufen? Und die Programme der Rechner und die mathematischen Formeln werden doch ständig besser.  

Menschen, die z.B. in Erdbebengebieten leben, haben da eine andere Sensibilität. Wir selbst haben bisher zweimal in unserem Leben ein Erdbeben miterlebt (einmal Stärke 5,1). Das wirklich Schlimme ist die Plötzlichkeit. Von eine Sekunde auf die andere kann alles anders sein. Und als wir 1981 durch das vom Erdbeben verwüstete Friauler Gebiet in Italien fuhren, die zerstörten Häuser und Brücken sahen, ahnten wir etwas von dieser Urgewalt.  

Das Jahr 2020 hat unserer angeblich so berechenbaren Welt eine wichtige Lehre erteilt. In eine Welt, in der alles berechenbar schien, brach die Unberechenbarkeit des Lebens brutal hinein. Willkommen in der Realität!  

Vielleicht ist das aber auch das Gute an dieser Krise: Die angebliche Berechenbarkeit aller Dinge und Entwicklungen hat sich als Überheblichkeit entlarvt. Plötzlich merken viele Menschen neu oder zum ersten Mal, dass sie – machtlos sind.  

Da denke ich natürlich sofort an die früher häufiger zitierte Stelle im Jakobusbrief (4, 13-16): 

Nun zu euch, die mit großen Worten ankündigen: »Heute oder morgen wollen wir in diese oder jene Stadt reisen. Wir wollen dort ein Jahr bleiben, gute Geschäfte machen und viel Geld verdienen.« Ihr wisst ja noch nicht einmal, was morgen sein wird! Was ist denn schon euer Leben? Nichts als ein flüchtiger Hauch, der – kaum ist er da – auch schon wieder verschwindet. Darum sollt ihr lieber sagen: »Wenn der Herr will, werden wir dann noch leben und wollen dieses oder jenes tun.«  Ihr aber seid stolz auf eure Pläne und gebt damit an. Eine solche Überheblichkeit ist verwerflich. 

Schon Jakobus erinnert daran, dass unsere Welt nicht autonom funktioniert, sondern von Gott und seinem Wohlwollen abhängig ist. Wenn Gott seine segnende Hand abzieht, beginnt das Chaos. Auch viele Psalmen sprechen in ihrer komprimierten Lebensweisheit davon, dass wir allein durch seine Gnade leben. 

Und weil das so ist, brauchen wir nicht in das allgemeine Gejammere mit einstimmen. Wir sind und bleiben in Gottes Hand. Und das ist gut so. Das haben Christen zu allen Zeiten erlebt und bezeugt, in den großen Pest-Epidemien des Mittelalters ebenso wie in den vielen Kriegen, die unser Land erlebt und erlitten hat. Auch die Corona-Pandemie ist nicht das Ende, aber sie scheint mir ein Warnschuss zu sein. 

Nun beginnt die große Impfkampagne und damit eine neue Hoffnung für Millionen Menschen. Gut, dass es Ärzte und Forscher gibt. Auch sie sind Gottes Werkzeuge. Wir wollen uns natürlich impfen lassen, sobald wir dran sind. Aber auch wenn Corona einmal besiegt ist – Pandemien hat es immer gegeben und wird es immer wieder geben. 

In besonderen Krisenzeiten haben die Dichter auch besondere Lieder geschaffen. Ich denke an die großartigen Texte von Paul Gerhardt – mitten in den Pestepidemien und den Schrecken des 30-jährigen Krieges (1618-1648).  

Ein neueres Lied geht uns in der letzten Zeit nicht mehr aus dem Kopf: „Bewahre uns, Gott!“

Eine sehr schöne Aufnahme finden wir hier: 

https://www.youtube.com/watch?v=b9aO72h2rQY  

in einer moderneren Version zusammen mit dem Komponisten hier:

https://www.youtube.com/watch?v=d-u20jDiHAc 

Das Lied stammt von Eugen Eckert (geb. 1954), einem evangelischen Pfarrer und kreativen Musiker aus Frankfurt. Sein Vater war katholisch, seine Mutter evangelisch, und er selbst ist ein Grenzgänger zwischen den Konfessionen geblieben. 32 Jahre lang war er Mitglied im katholischen (!) Arbeitskreis Kirchenmusik und Jugendseelsorge im Bistum Limburg. Aber aus Protest gegen eine gutsherrliche Personalentscheidung unter dem als „Protzbischof“ verrufenen früheren Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz van Elst trat er dort von seinen Ämtern zurück. Sein beeindruckender und geradliniger offener Brief an den Bischof findet sich hier:  

https://www.ikvu.de/fileadmin/user_upload/PDF/2012.09.04._Offener_Brief_Eckert.pdf 

„Bewahre uns Gott, behüte uns Gott“ – diese Zeile wiederholt sich und verbindet sich mit der Bitte um Gottes Nähe in allem Leiden, vor allem Bösen und um seinen Segen. 

Quelle und Brot, Wärme und Licht, Kraft, die Frieden schafft und Heiliger Geist, der Leben verheißt – das alles ist unser Gott!  

Ich kann mich diesem Wunsch nur von Herzen anschließen und dem Gott vertrauen, der uns – als einzelne und als Gemeinde – bis heute nicht verlassen hat. 

Jeder Tag, den wir erleben, ist ein gnädiges Geschenk, ob er uns gefallen hat oder nicht. Das zu wissen, kann uns gelassener machen im Blick auf uns selbst, unsere Zukunft und auch im Blick auf unser Miteinander. Denn es gehört auch zu diesem Leben, dass wir uns gegenseitig enttäuschen, uns übereinander ärgern und auch aneinander schuldig werden, Jahr für Jahr. Wir leben von der Vergebung Gottes und der Vergebung untereinander – und wollen barmherzig miteinander umgehen, so wie es uns die neue Jahreslosung sagt:  

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist (Lukas 6,36) 

Euer Wolfgang

P.S. Coronabedingt muss unsere Jahresschlussandacht zu Silvester ausfallen (Wochenveranstaltung). Der Gottesdienst am kommenden Sonntag (3. Januar) findet aber unter den bekannten Auflagen statt!